Die Aufwertung des kunsthistorischen Erbes basiert zunehmend auf der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und universitären Forschungszentren, aus deren Austausch neue digitale Formen der Analyse und Nutzung entstehen können.
In diesem Kontext steht die Zusammenarbeit zwischen Haltadefinizione und der Universität Rom Tor Vergata, die zur Erfassung der Sala Tiburtina in der Villa d’Este in Tivoli in ultrahoher Auflösung sowie zur Entwicklung eines 360°-3D-Viewers geführt hat. Dieser ermöglicht es, den Raum zu erkunden und historisch plausible Lichtverhältnisse zu simulieren.
Die Sala Tiburtina, auch als Erste Tiburtinische Stube bekannt, zeigt einen Dekorationszyklus, der der mythischen Gründung von Tivoli sowie der Rolle des Herkules als Beschützer der Stadt und der Familie d’Este gewidmet ist. Zwischen Kampfszenen und Gründungsmythen entfaltet sich eine durchgehende Erzählung, die Wände und Gewölbe einbezieht und den Raum vollständig prägt.

Ziel des Projekts ist es, die Rolle des Lichts als interpretatives Instrument des Raums sowie als entscheidenden Faktor für die Lesbarkeit des Freskenzyklus zu analysieren. Die gesamte Dekoration, die bis 1569 von einem Künstlerteam unter der Leitung von Cesare Nebbia ausgeführt wurde, ist für eine stark lichtabhängige Wahrnehmung konzipiert.
Haltadefinizione führte die 360°-Panoramaaufnahmen durch. Das Modell wurde für die Integration in den 3D-Viewer aufbereitet und ermöglicht so eine vollständige Immersion in das architektonische und dekorative System.
Der Viewer bietet zwei Interaktionsmodi: Der Orbit-Modus erlaubt eine Gesamtansicht des Modells von außen, während die freie Navigation die Bewegung innerhalb des dreidimensionalen Raums ermöglicht.

Das System umfasst zudem verschiedene Beleuchtungsmodi, die jeweils spezifische Nutzungssituationen simulieren. Licht übernimmt dabei eine zentrale Rolle als interpretatives Medium, da es die Sichtbarkeit einzelner architektonischer Elemente bestimmt und die Wahrnehmung der Fresken beeinflusst.
Die Möglichkeit, unterschiedliche Lichtkonfigurationen anzuwenden, zeigt, dass Licht kein nebensächliches Element ist, sondern ein entscheidender Faktor für das Verständnis des Zusammenspiels von Architektur, Dekoration und Erzählung. Der Viewer ermöglicht es somit, Hypothesen zur Raumerfahrung in der Renaissance sowie zur visuellen Selektivität durch vor-elektrische Lichtquellen wie Fackeln und Kerzen zu formulieren.
Das Projekt zeigt, wie sich ein 3D-Viewer von einem reinen Visualisierungsinstrument zu einem Werkzeug der räumlichen Exploration und Interpretation entwickeln kann und eröffnet neue Perspektiven für Forschung und Lehre im kunsthistorischen und architektonischen Bereich. Es erlaubt, sich im Raum zu bewegen, dekorative Details aus der Nähe zu betrachten und das Verhältnis zwischen gemaltem Raum und Wahrnehmung zu rekonstruieren.
Die Zusammenarbeit mit der Universität Rom Tor Vergata bestätigt die Rolle von Haltadefinizione in einem Forschungsökosystem, in dem die Digitalisierung zu einem aktiven Bestandteil von Interpretations-, Studien- und Vermittlungsprozessen des kulturellen Erbes wird.
Das Projekt ist Teil von S.P.A.F.E. – Sculpture, Painting and Architecture Fruition Experience, konzipiert, geleitet und koordiniert von Professor Carmelo Occhipinti, im Rahmen der Partnerschaft CHANGES – Cultural Heritage Active Innovation for Sustainable Society sowie des Technologiedistrikts Latium.